Beten am Ballermann


Darum geht es


Bibel-Exegese und Eimersaufen, Bierkönig und Gottesdienste. Passt nicht zusammen? Das dachte ich auch – bis ich im Sommer mit über 300 jungen evangelikalen Christen zum Ballermann flog. Eine Woche lang wollten sie dort betrunkene, feierwütige Deutsche von Gott überzeugen.

Begleitet habe ich vor allem drei von ihnen: Jytte, Niklas und Janika. Sie alle eint ihr Glaube. Schon am ersten Abend steht die 19-Jährige Jytte stundenlang vor dem Bierkönig, mit ihren Crocs, an denen kleine Plastiksticker befestigt sind. „Faith or Fear“ steht auf einem, ein anderer zeigt eine Bibel. Vor ihr torkeln Männer mit Penis-Spritzpistolen vorbei und Frauen mit „I love Dicks“-T-Shirts. Jytte fragt sie: „Brauchst du ein Wunder in deinem Leben? Wir wollen für dich beten“.

Am Strand hat die Gruppe ein riesiges Holzkreuz in den Boden gerammt. Dort spielen sie den Sündenfall nach und ein evangelikaler Rapper heizt der Menge ein. Früher sei er Kokaindealer gewesen, sagt er, bis er in Kolumbien im Gefängnis landete und Gott ihn rettete. „Vom Dopedealer zum Hopedealer“ heißt der Song.

Immer wieder suchen Jytte, Niklas und Janika das Gespräch mit den Vorbeitorkelnden. Die bleiben stehen und hören zu. Sie erzählen ihnen, wie sie zu Gott fanden – von Panikattacken, großen Unsicherheiten, Schuldgefühlen und von der großen Kraft, die ihnen der Glaube dabei gab. Dabei entstehen Gespräche, die ich vorher nie erwartet hätte.

Als ich nach Hause fliege, habe ich viel gelernt: über den evangelikalen Glauben, über den Ballermann und über meine eigenen Vorurteile.


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Paul Weinheimer

Paul Weinheimer wurde 1994 in Freiburg im Breisgau geboren. Er studierte Soziologie und Geschichte in Hamburg und Prag. Im Anschluss an seinen Masterabschluss absolvierte er eine journalistische Ausbildung an der Reportageschule. Mittlerweile lebt er in Frankfurt und arbeitet als freier Journalist für verschieden Medien wie unter anderem Die ZEIT, SZ, FAZ, SPIEGEL. Seine Reportagen wurden unter anderem mit dem Sir-Green-Sonderpreis und dem Hansel-Mieth-Preis ausgezeichnet.

Fotocredit: Lea Ernst